Den Kurdischen Nationalismus Neu Denken

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Der kurdische Nationalismus ist nicht bloß eine Reaktion auf Leugnung, Unterdrückung oder Staatenlosigkeit. Dieser Essay lädt dazu ein, ihn als ein nationales Bewusstsein neu zu denken, das auf gemeinsamem Gedächtnis und kollektiver Zugehörigkeit beruht.

In den letzten Jahren zählt der kurdische Nationalismus zu den am häufigsten gebrauchten, aber vielleicht am wenigsten klar definierten Begriffen im politischen Diskurs der Kurden. Doch ein beträchtlicher Teil derjenigen, die diesen Begriff verwenden, erklärt eher, was er nicht ist, als das, was er ist. Mal wird er als „primitiv“, mal als „reaktionär“, mal als „emotional“ und mal als „populistisch“ bezeichnet. Auf diese Weise hört der kurdische Nationalismus auf, ein politischer Begriff zu sein, und wird zu einer bloßen Anschuldigung.

Häufig wird er vor dem Hintergrund der Erfahrungen des türkischen, arabischen oder persischen Nationalismus gelesen. Manche sehen in ihm nur eine Reaktion auf die Leugnung; andere definieren ihn allein als staatsbildendes Projekt. Doch keiner dieser Ansätze vermag vollständig zu erklären, was der kurdische Nationalismus eigentlich ist.

Der grundlegende Fehler dabei besteht meines Erachtens darin, den kurdischen Nationalismus immer wieder über äußere Bedingungen definieren zu wollen: Leugnung, Assimilation, Unterdrückung, Statuslosigkeit oder Staatenlosigkeit usw. Selbstverständlich haben all diese Faktoren eine wichtige Rolle in der Entwicklung des kurdischen politischen Bewusstseins gespielt. Doch keiner von ihnen ist für sich allein die Quelle des kurdischen Nationalismus.

Denn die Kurden wurden nicht deshalb zu Kurden, weil sie geleugnet, staatenlos zurückgelassen oder unterdrückt wurden. Die nationale Existenz der Kurden gründet sich auf gemeinsame historische Erfahrungen, ein gemeinsames Gedächtnis, eine kulturelle Kontinuität und ein Gefühl kollektiver Zugehörigkeit. Das Kurdischsein allein über die erfahrenen Unterdrückungen erklären zu wollen, hieße deshalb, Wirkung mit Ursache zu verwechseln.

Denn dass eine Nation sich selbst als Nation begreift, lässt sich nicht allein aus der Behandlung erklären, die ihr widerfährt. Das nationale Bewusstsein speist sich nicht nur aus Unterdrückung, sondern auch aus gemeinsamer Erinnerung, gemeinsamer Zugehörigkeit, gemeinsamer historischer Erfahrung und einem gemeinsamen Zukunftsgefühl.

Den kurdischen Nationalismus lediglich als Reaktion auf Leugnung zu definieren, bleibt deshalb unzureichend. Wäre der Nationalismus nur Reaktion, dann müsste er mit dem Wegfall der Leugnung selbst verschwinden. Doch kein nationales Bewusstsein der Welt funktioniert auf diese Weise. Die Franzosen existieren heute nicht über die Gegnerschaft zu den Deutschen, ebenso wenig die Japaner zu den Chinesen oder die Norweger zu den Schweden. Und dennoch besteht ihr nationales Bewusstsein fort.

Das Bestehen einer Nation hängt also nicht vom Bestehen ihrer Gegner ab.

Genau aus diesem Grund lässt sich der kurdische Nationalismus nicht allein über Gegnerschaft definieren. Eine solche Definition würde die Kurden ihrer Stellung als historisches und politisches Subjekt berauben und sie auf eine Gemeinschaft reduzieren, die nur auf äußere Faktoren reagiert. Doch was eine Nation am Leben hält, sind nicht nur ihre Einwände, sondern ihre Fähigkeit, sich weiterhin als gemeinsame Gemeinschaft zu begreifen.

Vor allem aber muss eines klargestellt werden: Nation und Staat sind nicht dasselbe.

Das Bestehen oder Fehlen eines Staates erklärt für sich allein nicht die Existenz einer Nation. Menschen sind eine Nation, weil sie sich einer bestimmten Gemeinschaft zugehörig fühlen. Eine Nation ist nicht nur deshalb eine Nation, weil sie Unterdrückungen erlitten hat; sondern weil sie sich weiterhin als Gemeinschaft begreift, die sich um eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinsames Gedächtnis und eine gemeinsame Zugehörigkeit gruppiert.

Das nationale Bewusstsein lässt sich daher nicht als bloßes Produkt politischer Bedingungen oder historischer Unterdrückung erklären. Im Gegenteil: Es beruht auf einem Gefühl kollektiver Zugehörigkeit, das langlebiger ist als jene Bedingungen.

An dieser Stelle fällt auf, dass der kurdische Nationalismus häufig im Lichte antikolonialer Literatur interpretiert wird. Insbesondere der Rahmen, den Frantz Fanon zu den kolonisierten Völkern entwickelt hat, ist zu einer der am häufigsten zitierten Bezugnahmen in der Debatte um die kurdische Frage geworden.

Fanons Beitrag ist zweifellos bedeutend. Insbesondere für die Frage, wie sich nationales Bewusstsein in kolonisierten Gesellschaften in eine Kraft politischer Mobilisierung verwandelt, behält er seinen Wert. Doch Fanons Rahmen hilft uns nicht zu verstehen, warum nationales Bewusstsein entsteht, sondern wie es sich unter bestimmten historischen Bedingungen verstärkt. Den kurdischen Nationalismus jedoch ausschließlich als Reaktion auf Kolonialismus, Leugnung oder Unterdrückung zu erklären, scheint mir tief unzureichend.

Denn ein solcher Ansatz sucht die Quelle des nationalen Bewusstseins weitgehend in den erlittenen Unterdrückungen. Doch die kollektive Existenz der Kurden gründet sich auf eine Wirklichkeit, die älter und tiefer ist als diese Unterdrückungen. Leugnung, Assimilation und Statuslosigkeit mögen das kurdische nationale Bewusstsein verstärkt haben. Aber sie sind nicht das, was es hervorgebracht hat.

Mehr noch: Definiert man das nationale Bewusstsein einer Nation allein über die Bedingungen, die sie erleidet, dann verschwindet auch das von einem Definierte, sobald diese Bedingungen wegfallen. Anders gesagt: Definiert man den kurdischen Nationalismus allein über die Leugnung, dann müsste der kurdische Nationalismus an dem Tag enden, an dem die Leugnung endet.

Doch was eine Nation zu einer Nation macht, ist nicht das, was ihr widerfährt, sondern wie sie sich selbst sieht.

Den kurdischen Nationalismus daher lediglich als Reaktion, als Verteidigungsreflex oder als „Nationalismus einer unterdrückten Nation“ zu definieren, bleibt unvollständig.

Der kurdische Nationalismus ist vor allem das Bewusstsein der Kurden, ihre kollektive Existenz zu bewahren, als politisches Subjekt zu bestehen und über ihre eigene Zukunft mitzubestimmen. Leugnung, Unterdrückung und Statuslosigkeit können dieses Bewusstsein sichtbar machen, verstärken oder schärfen. Aber sie sind nicht das, was es hervorbringt.

Ein weiterer Fehler besteht meines Erachtens darin, den kurdischen Nationalismus wie eine einheitliche Ideologie zu behandeln. Doch im Lauf der Geschichte ist kein Nationalismus jemals einheitlich gewesen.

Innerhalb dessen, was wir heute kurdischen Nationalismus nennen, finden sich gleichzeitig Unabhängigkeitsanhänger, Föderalisten, Konföderalisten, Liberale, Konservative, Sozialisten, Säkulare, Religiöse und Rechte. Und trotz all dieser Unterschiede wird die gemeinsame Zugehörigkeit zur kurdischen nationalen Frage nicht aufgehoben. Im Gegenteil: Dies zeigt, dass der kurdische Nationalismus nicht als Ideologie, sondern vielmehr als eine deutlich umfassendere politische Familie oder als ein nationaler politischer Raum verstanden werden muss.

Daher lässt sich der kurdische Nationalismus nicht auf eine Organisation, eine Partei oder eine bestimmte ideologische Linie reduzieren. Er beschränkt sich weder auf die Treue zu einer Organisation noch auf eine Form der Loyalität, die sich um einen bestimmten Anführer formt.

In seinem Zentrum steht die Fortdauer der kollektiven Existenz der Kurden, ihre Anerkennung als politisches Subjekt und ihre Fähigkeit, über ihre eigene Zukunft mitzubestimmen.

Deshalb muss der kurdische Nationalismus nicht als Ideologie der Überlegenheit gelesen werden, sondern als der Wille einer Nation, ihre eigene Existenz zu bewahren, sie zu reproduzieren und über ihre Zukunft selbst zu entscheiden.